14. Jul, 2016

Lebensmüde oder Sehnsucht nach dem Licht

Eigentlich wollte ich heute gar nichts schreiben. Und schon gar nicht über dieses Thema. Und doch - es kam immer wieder auf mich zu - und deshalb scheint es der richtige Zeitpunkt dafür zu sein. Zu reden über ein Thema über das man kaum spricht. Über ein Thema, bei dem niemand so richtig weiss, was er sagen darf, soll, kann, muss oder was nicht. Denn sobald man hört, dass sich jemand freiwillig das Leben genommen hat, erstarren alle zuerst einmal - und es kommt oft der Gedanke nach der Schuld. Nach der Frage, ob es hätte jemand verhindern können oder ob man selbst hätte etwas merken sollen.

Ja. Diese Fragen sind sicherlich da. Aber oft gab es für die Hinterbliebenen keine sichtbaren Anzeichen und nicht viele haben das Glück, einen Abschiedsbrief mit Antworten erhalten zu haben. Oft bleiben vielen Fragen auch einfach ungeklärt.

Ich bin in den letzten Monaten vielen Menschen begegnet, welche ebenfalls jemanden durch eine Selbsttötung verloren haben, und mit allen hatte ich wunderbare - wenn auch oft sehr traurige - Gespräche geführt. Alle haben mir erzählt, wie es für sie war oder noch immer ist. Alle hatten das Bedürfnis zu reden - über den Menschen, den sie so vermissen und von dem sie oft nicht wissen, weshalb er hier auf der Erde so fest gelitten hat. Vielleicht war es die Sehnsucht nach dem Himmel, nach dem Paradies oder nach dem Licht und vielleicht waren auch einfach die Kräfte aufgebraucht, um sich den Problemen oder den Schmerzen zu stellen - einige haben Antworten erhalten - und andere auch nicht.

Aber wie auch immer. Lasst uns doch gemeinsam versuchen darüber zu reden. Denn Suizid ist in der Schweiz der vierthäufigste Grund für frühzeitige Sterblichkeit - und man kann sich also ausmalen, wie viele Angehörige oder beteiligte Drittpersonen mit diesem Thema konfrontiert sind. Jährlich versuchen in der Schweiz zwischen 15'000 und 25'000 Menschen, sich das Leben zu nehmen. Über 1000 Personen sterben dabei - das sind dreimal so viel wie Verkehrstote.

Also hören wir doch einfach auf, nicht darüber zu sprechen - es geht so viele von uns etwas an. Getrauen wir es doch einfach auszusprechen - auch wenn es weh tut. Ja. Ich habe jemanden verloren - der sich freiwillig entschieden hat zu gehn - und ja - ich akzeptiere und respektiere diesen Entscheid - aber ich vermisse ihn enorm.

Jauh di mata, dekat di hati

Das ist ein indonesischen Sprichwort und bedeutet: "Ihr mögt weit von meinem Auge entfernt sein, aber ihr seid nah in meinen Herzen"