16. Okt, 2016

Total normal

Irgendwie ist es schon spannend, dass jeder von uns denkt, dass er wisse, was "normal" ist. Und auch, dass jeder denkt, dass sein "Normal" normal ist.

Ihr versteht nicht, was ich damit meine?

Ich meine, dass jeder von uns doch eine andere Vorstellung davon hat, was normal ist. Der eine hat gelernt, dass es normal ist, viel Geld zu haben - für den anderen ist es normal, finanziell nicht auf Rosen gebettet zu sein. Einer findet es normal, um 22.00 Uhr ins Bett zu gehen, und für den anderen ist es normal, nicht vor Mitternacht zu schlafen. Einer findet es normal, dass seine beiden Eltern immer ausser Haus am Arbeiten und kaum daheim sind und für den anderen ist es normal, dass seine Mutter zuhause ist und die Familie am Abend gemeinsam isst.

Aber auch bei dem was "man macht" oder "was sich nicht gehört" gibt es ja nicht einfach nur eine Wahrheit, sondern es ist einfach das normal, was wir gelernt haben und in welche Kultur, Religion oder in welcher Schicht wir aufgewachsen sind. Und das halten wir - falls wir unsere Glaubenssätze nie überdacht haben - bis heute einfach immer noch für die Wahrheit und für "normal".

Aber nicht nur bei dem "was man tut und was nicht" haben wir so unsere Vorstellungen was normal ist, sondern auch, wie ein Mensch zu sein hat.

Zu schwangeren Frauen höre ich immer wieder sagen: "Hauptsache es ist gesund." - Oder meinen wir damit vielleicht auch: "Hauptsache es ist normal?" 

Aber was heisst denn, dieses "normal sein"?

Ist damit gemeint, nicht aus der Reihe zu tanzen? Genauso zu funktionieren, wie es die Mehrheit tut? Einfach nicht aufzufallen?

Denn sind wir doch mal ehrlich. Es macht uns allen doch etwas Angst, wenn jemand anders - und deshalb nicht ganz normal ist. Wir wissen dann oft nicht, wie wir mit diesem "anderen Normal" umgehen sollen.  

Aber nochmals zur Erinnerung: Jeder hat sein eigenen "Normal". Ich habe meines. Er hat seines. Sie ihres. Du deines.

DU hattest ein Down Syndrom. Früher sagte man dazu "Mongoloid". Aber heute darf man das nicht mehr sagen. Ok. Mir spiel es keine Rolle wie ich es nenne.  Dank dir lernte ich einfach schon als Kind, dass es verschiedene Arten von "normal" gibt und dass es ok ist, in manchen Dingen etwas anders zu sein.

Deine Gefühle kamen immer ganz ungefiltert. Wenn DU dich gefreut hast, hast du das gezeigt. Aber wenn du traurig oder wütend warst auch. Einfach so ganz ehrlich. Einfach gerade so, wie es für dich war. Ohne Filter und ohne Maske. Einfach ganz normal DU.

Auch wenn ich dich in den letzten Jahren nicht mehr so oft gesehen habe, so muss ich doch sagen, dass ich wirklich dankbar bin, dass ich dank dir viel über "Normalität" gelernt habe. Nicht weil es eine "grosse Sache" war, dass du in manchen Dingen etwas anders warst, sondern ganz im Gegenteil - einfach weil es total normal war.

Jetzt bist du auf deine letzte Reise gegangen und ich freue mich, dass ich dich kurz vorher nochmals habe treffen dürfen. Schön dass du hier warst und mir deine Normalität etwas näher gebracht hast. Ich habe dank dir viel gelernt.

Und nur so nebenbei:

Sind es nicht genau die Leute, die ein etwas "anderes Normal" leben oder verkörpern, die uns nachhaltig prägen, von denen wir viel lernen und die tiefe Spuren in unserem eigenen Leben hinterlassen?

Vielleicht sollten wir uns deshalb alle mehr getrauen, öfters "abnormal normal" zu sein.