1. Mrz, 2020

Mein Brief an das Virus

 

Guten Tag Coronavirus. Ich schreibe dir einen Brief, weil ich denen, mit denen ich kommunizieren möchte, diese jedoch nicht sehen oder hören kann, immer Briefe schreibe. Und da ich weiss, dass es dich gibt, mache ich das bei dir jetzt ebenso.

Ich kann den Brief nicht beginnen mit der Anrede «liebes Coronavirus» und doch möchte ich anständig zu dir sein, deine Botschaft versuchen zu verstehen, um dich danach zu bitten – nachdem wir deine Botschaften verstanden haben – wieder zu gehen.

Denn ja. Ich bin der Überzeugung, es muss Gründe geben, weshalb du gerade jetzt dich entschieden hast, dich weltweit so rasant zu vermehren und dafür zu sorgen, dass wir bereits jetzt eine Situation haben, die für uns (auf jeden Fall in unseren Landebreiten und Jahrgängen) absolut fremd und auch etwas unheimlich ist. Und auch alle, die jetzt noch so tun, als wenn du sie nichts angehen würdest oder die dich noch verspotten, so denke ich, ganz tief im Inneren haben auch die sich schon Gedanken über dich gemacht und ganz kalt lässt du bestimmt auch diese nicht.
Denn du sorgst bereits jetzt schon dazu, dass nicht weit von uns entfernt ganze Städte abgeriegelt werden, dass Menschen sich einen Notvorrat anlegen, dass Desinfektionsmittel und Masken ausverkauft sind, dass Veranstaltungen abgesagt werden und dass unsere Wirtschaft jetzt schon deine Stärke mitkriegt.

Du zeigst uns auch, wie abhängig wir von den grossen Wirtschaftsmächten oder der Pharmaindustrie sind aber auch, wie wir schlussendlich alle miteinander verbunden sind. Es gibt nicht mehr nur «die dort drüben», oder «die von da», sondern es betrifft plötzlich «uns alle»; also auch «dich und mich». Unheimlich ist vor allem, dass wir dich vielleicht tagelang in uns tragen, ohne es zu merken und dich weiterverbreiten, ohne dass wir uns dessen bewusst sind – und das vielleicht sogar an die, die uns am nächsten sind.

Was willst du uns denn sonst noch aufzeigen? Möchtest du uns sagen, dass wir in den letzten Jahren vielen unwichtigen Werten nachgerannt sind und es uns gut tut, wieder etwas mehr Zeit mit uns selbst und unserem nahem Umfeld zu verbringen, um dabei zu realisieren, dass die gemeinsame Zeit die wir haben, schlussendlich das einzige wirklich Wichtige ist?

Du verbreitest an vielen Orten Angst und Unsicherheit, aber jetzt habe ich gerade gelesen, dass dafür in China die Luftverschmutzung dank dir drastisch zurückgegangen ist. Wow! Geht es dir vielleicht auch um das? Ist das mit ein Grund, warum du hier bist? Oder welche Aspekte willst du uns zeigen, oder vielleicht sogar lehren?

Ich masse mir nicht an, für meine Fragen die absolut richtigen Antworten zu haben, aber sich darüber Gedanken zu machen, rate ich in einer ruhigen Minute jedem mal an.
Denn dann können wir vielleicht bald sagen: «Wir haben verstanden», und du – Virus – kannst wieder gehen.
Und ich freue mich schon jetzt auf die Zeiten, wenn ich dem kleinen Moris, der vor ein paar Tagen auf die Welt gekommen ist, erzählen kann: «Damals, als das Virus da gewesen ist, haben wir zum Glück ganz schnell ganz vieles gelernt und sind mit einem blauen Auge davongekommen.»

Und jetzt geh ich und geniess die Sonne und meine Liebsten. Ach und übrigens – Virus - wenn du möchtest, könntest du gerne auch jetzt schon wieder gehen.

 

 

Darüber selbst nachdenken oder teilen gerne erlaubt

 

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